Intro/Outro: Die musikalischen Konterparts von BoJack Horseman

Gleich zu Beginn von Walter Moers Roman Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär findet sich der namensgebende Protagonist in den Fängen des größten Wasserwirbels der Welt, dem Malmstrom, wieder. Die Gefahr, die von jener nautischen Naturgewalt ausgeht, lässt selbst die erfahrensten Seemänner das Gebiet um den Malmstrom weiträumig umfahren. Einzig eine kleine, wagemutige Truppe, die Zwergpiraten, vermögen dieser Gefahr zu trotzen; nein, sie suchen sie vielmehr. Nur dank ihrer Hilfe schafft der neugeborene Blaubär, die Begegnung mit dem Malmstrom zu überleben und nicht auf den Grund des Meeresbodens gezogen zu werden.

Wasserwirbel, gerade in der Fiktion, üben seit jeher einen merkwürdigen Reiz auf mich aus. Vielleicht sind es Überbleibsel meines Wikingerblutes, aber für mich sind sie bis heute Ausdruck einer navalen Schönheit, eine perfekt modellierte Kreation Neptuns. Die ruhige See, irgendwann unterbrochen von ersten Anzeichen, die zu spät realisierte Gefangenschaft, das nicht beeinflussbare Unterwerfen der kreisförmigen Bewegungen bis der letzte Funke Hoffnung wie Sand in einer Uhr durch die Finger rinnt und die letzten Überlegungen nur noch die sind, ob man denn nun vorab in den Fluten ertrinkt oder vom Ungetüm in dessen Habitat gezogen zu werden. Schrecklich, ja, aber trotz dessen schön.

In gewisser Weise sind Serien-Intros ein popkultureller Wasserwirbel. Nur ein thematisch passender, in sich geschlossener Song vermag es, einen erst langsam, dann immer schneller in seinen Bann zu ziehen, nur um am Ende auf den Serienboden gezogen zu werden, sich in einer anderen Welt wiederzufinden und das Alte zu vergessen, wenn auch nur für 20 bis 50 Minuten pro Folge. Gleichzeitig vermag ein schlecht sitzender Song ebenso, die Ungeduld in einem zu wecken und die Hand langsam in Richtung Smartphone gehen zu lassen, nur um entnervt die Sekunden und Minuten bis zum Vorbeiziehen abzuwarten. Doch schon in diesem Moment, diesem Griff zum Smartphone, dieser Aktualisierung der Timeline, diesem Abrufen der Nachrichten, der E-Mails, ist einer Serie ein denkbar schlechter Einstieg gelungen: In diesem Moment sind wir ein Stück weit dem Wasserwirbel entronnen, können uns nicht mehr vollends in die Welt hineinziehen lassen, der wir nun unsere Aufmerksamkeit schenken wollen. Einzig die besten der Serien vermögen es, ihre Ausläufer so weit zu erstrecken, dass wir selbst nach einem missglückten Einstieg wieder in die Fänge des Seeungeheuers geraten.

Intros, ein oftmals unterschätzter Faktor, auch, vielleicht sogar gerade in jenen Zeiten des „Binge Watchings“. Viel zu oft nehmen wir die guten Kreationen hin, vergessen dabei, dass ein gutes Intro uns um halb zwei nachts wieder einen Schub Aufmerksamkeit verleihen kann. Dann wenn die Fanfaren beginnen oder die synthetischen Klänge aus den Boxen dröhnen. Überlegt einmal: Würde Game Of Thrones auch in jenem Maße funktionieren, wenn zu Beginn eine Country-Band singen würde? Hätte Breaking Bad den gleichen Effekt, wenn wir 20 Sekunden Heavy Metal Soli hören würden? Könnten wir uns in der Welt von Sons Of Anarchy wiederfinden, wenn zu Beginn ein Streichorchester ertönen würde?

BoJack Horseman, Netflix‘ animierte Serie, die am vergangenen Freitag (17. Juli 2015) in ihre zweite Staffel ging, besitzt ein solches stimmiges Intro. Geschrieben von The Black Keys‘ Mitglied Patrick Carney erwartet den Zuschauer ein knapp ein-minütiger Mix, der dem nahekommt, was vor Jahrzehnten einmal Tomatensauce und Hackbällchen waren: Zwei Zutaten, die wunderbar einzeln funktionieren, gemeinsam aber größer sind, als die pure Summe ihrer Teile. Das Intro von BoJack Horseman ist gleichermaßen Synthie-Track wie Saxophon-Stück: Musikalische Untermalung für Fahrten in Ferraris in den Straßen von Miami, während man cremefarbene Sakkos trägt, aber eben auch deftiger Soundtrack für verrauchte Bars in Downtown, L.A., irgendwann in den 50ern. Vor allem ist das Intro aber so atmosphärisch, dass selbst bei der x-ten Folge die gute Laune nicht verfliegen will, wenn beide Zutaten endgültig eine irre Harmonie eingehen. Eine Harmonie, die abermals gesteigert wird, wenn man Bild und Ton als ein Ganzes betrachtet, wenn man kleinere Bild-Gags mit eben jenem Soundtrack verbindet und man endgültig in die Welt von BoJack Horseman gezogen wird. Aufwacht. Sich wiederfindet. Unten, auf dem Meeresgrund.


Wo das Intro dafür sorgt, dass Atmosphäre der Serie eingefangen und transportiert werden will, ist das Outro von BoJack Horseman Epilog, der die Geschichte weitererzählt. Ein Umstand, den man nicht auf den ersten Blick begreift. Dann nämlich ist das Outro ein irgendwie ganz einnehmender Song, vielleicht sogar mit Ohrwurmpotenzial. Eben ein perfektes Spiegelbild der Serie. Denn auch sie ist zu Beginn irgendwie catchy, hat Potenzial. Das spätere Verstehen wird einem erst langsam, mit Verlauf der Serie – ungefähr zur Staffelmitte -, bewusst; spannenderweise dann, wenn die Serie mit ihrem üblichen Outro bricht.

In Episode 7 wechselt die Serie ihren üblichen Blickwinkel und verfolgt stattdessen BoJacks Agentin Princess Carolyn, eine – so realisiert man -, nicht gänzlich heile Figur, sondern eine ebenso beschädigte, die wie BoJack auf der Suche nach dem „Mehr“, dem fehlendem Ganzen ist und der Vergangenheit bisweilen nachhängt. „You don’t have to work, you choose to work“, offenbart BoJack in einem Nebensatz Carolyn und zeigt dem Zuschauer mit brutalster Simplizität die ganze Komplexität des Charakters. Schlussendlich sieht man Princess Carolyn am Fenster ihres Büros, in die Ferne blickend, einsam. Bis jene Stille, jene Einsamkeit durch ihr Smartphone unterbrochen wird, das ihr zu ihrem 40. Geburtstag gratuliert. Princess Carolyn, vergessen von ihren Mitlebewesen, an ihre eigene Endlichkeit erinnert durch ein trotz aller Personalisierungen unpersönliches Stück Technik.

An dieser Stelle beginnen die Credits und zum ersten Mal ertönen nicht die Klänge von Grouplove, sondern Lyla Foys „Impossible“. Und wie oben bereits angesprochen ist dieses akzentuierte Spiel mit einem anderen, jedoch ebenso passenden Song, der Punkt, an dem die Serie ihre eigene Klangfarbe findet, sich von simpler Family Guy Komik wegbewegt und eine tiefe Charakterstudie über das Leben anfertigt. Ab diesem Moment trifft einen die Serie mit Hammerschlag um Hammerschlag und ab hier beginnt man die Bedeutung der Lyrics des Outros langsam zu erahnen.

Es ist dieser Umstand, der dem Zuschauer abermals verdeutlicht, wie intelligent BoJack Horseman geschrieben ist. Es sind diese jeweiligen musikalischen Konterparts, die die Serie auf ihre eigene Art ergänzen und bereichern und doch ein Gesamtbild abgeben. Hier das atmosphärische Intro, das dich für 20 bis 25 Minuten wappnen und in die Welt von BoJack Horseman einsaugen soll; dort das Outro, das dir die emotionale Tiefe des Hauptcharakters über die gesamte Serie in wenigen Sekunden präsentiert. Kurz: Eine kongeniale Partnerschaft, die einen atmosphärischen wie intelligenten Rahmen für die eigentliche Handlung bietet. Und ein finales Argument, um letzte Restzweifler davon zu überzeugen, dass BoJack Horseman eine der besten – in meinen Augen sogar die beste – derzeit laufenden Serien ist.

1 Comment

  • Chris Umbach sagt:

    Was für eine treffende und faszinierende Beschreibung! Bojacks Intro ist aber neben Breaking Bad und Mad Men wahrscheinlich auch eins der Besten Intros der letzten Jahre!
    Faszinierend ist es auch, wenn Songs, ohne die Serie nicht richtig funktionieren wollen. Wenn es eben nur die paar Sekunden, die aus Bild und Ton im Intro bestehen, sind, die die Musik wirklich wirken lassen. Vor allem bei Scrubs ist genau das der Fall. Als ich den Song im Original gehört habe war ich schwer enttäuscht.

    Lieben Gruß!

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